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Beziehungsleben Leseprobe: Warum wir selbst unsere Gefühle machen

In diesem Beitrag stelle ich dir eine Leseprobe meines Buches Beziehungsleben vor. Es ist ein Ausschnitt aus Kapitel 4 mit dem Titel »Das ärgert mich, macht mich wütend oder traurig«. In dem Buch geht es um Selbstverantwortung und wie es uns gelingen kann, selbst für eine erfüllende Partnerschaft zu sorgen – ohne unseren Partner verändern zu müssen.

In dieser Leseprobe dreht sich alles um Gefühle, unter dem Aspekt der Selbstverantwortung. Das erwartet dich: Wie entstehen Gefühle in uns und wer trägt die Verantwortung dafür? Wie kann es uns gelingen, weniger negative Gefühle zu haben und diese schneller wieder gehen zu lassen? Und was können wir tun, um uns emotional weniger ausgeliefert zu fühlen, anderen Menschen gegenüber oder in bestimmten Situationen?

Die Leseprobe des Beziehungsratgebers »Beziehungsleben«

Stell dir vor, du bist in einem Supermarkt, gehst zur Kasse und möchtest bezahlen. Drei Kassen sind geöffnet. Alle mit langer Schlange. Jetzt stellt sich natürlich die entscheidende Frage: Bei welcher wirst du dich anstellen? In der Schlange mit den wenigsten Menschen? Oder in der, in der die Kunden die wenigsten Artikel haben? Oder in der Schlange, bei der der Kassierer am kompetentesten aussieht?

Du entscheidest dich für eine Schlange … Und, wie könnte es anders sein, du hast mal wieder eine der langsamsten erwischt. Denn genau jetzt muss der Kassierer wegen einer doppelt gescannten Dose Katzenfutter auf den Stornoschlüssel der Filialleitung warten. Eine solche Situation kennt wohl jeder von uns und auch die Reaktion: Man ärgert sich oder regt sich über den Kassierer auf.

Auch in anderen Lebensbereichen passieren Dinge, die uns frustrieren, über die wir uns aufregen, bei denen wir uns ungerecht behandelt oder nicht beachtet fühlen: Die Partnerin vergisst, das wichtige Medikament aus der Apotheke mitzubringen, der Arbeitskollege macht schon wieder krank oder die Nachbarn drehen abends die Musik erneut voll auf.

Es ist normal und menschlich, dass wir auf bestimmte Situationen mit Wut, Trauer, Enttäuschung oder Frustration reagieren – mal schwächer, mal stärker ausgeprägt. Doch ist das zwangsläufig so, oder gibt es andere Reaktionsmöglichkeiten?

Wie die häufigste Reaktion auf Negatives ist

Gefühle Frau Trauer

Selbstverantwortung wird im privaten Umfeld häufig nicht gelebt. Die leichtere und oft automatische Reaktion ist, »das Außen«, also andere Menschen oder externe Umstände dafür verantwortlich zu machen, was wir fühlen, wie es uns geht.

Meist läuft es ja so: Wenn wir im Außen etwas erleben, das uns nicht gefällt (zum Beispiel der Partner, der etwas vergessen hat), reagieren wir darauf (beispielsweise sind wir verärgert).

Wir schlussfolgern daraus automatisch: Das Außen ist die Ursache für mein Gefühl und meinen Gemütszustand. Wenn ich also das Außen verändere, geht es mir wieder gut. Das ist die übliche Reaktion – so lernen wir es und so macht es nahezu die ganze Welt.

Im Folgenden ein ausführliches Beispiel zur Verdeutlichung des Zusammenspiels von Eigenverantwortung und Gefühlen:

Gefühle: Ein Beispiel mit Julia, Katharina, Armin und Torsten

Julia hat heute drei Verabredungen und sie kommt zu jeder zu spät. Die erste Verabredung ist mit Katharina, einer guten Freundin. Sie treffen sich zum Frühstück im neuen Café in der Stadt. Was passiert?

  • Der Auslöser: Julia kommt zehn Minuten zu spät ins Café (wieder einmal).
  • Das Gefühl von Katharina: Sie ist traurig.
  • Die Reaktion von Katharina: Sie zieht sich emotional in ihr Schneckenhaus zurück. Das gesamte Frühstück ist von ihrer Stimmung überschattet und so richtig taut sie an diesem Morgen nicht mehr auf.

Soweit ein kurzer Einblick in die erste Verabredung. Wie geht der Tag für Julia weiter? Mittags hat sie ein Business-Meeting mit Armin, ihrem Teamkollegen.

Die zweite Verabredung hat Julia Mittags mit Armin, ihrem Teamkollegen:

  • Der gleiche Auslöser: Julia kommt auch zu diesem Treffen zehn Minuten zu spät.
  • Das Gefühl von Armin: Er ist wütend.
  • Die Reaktion von ihm: Er herrscht sie an und hält es für eine Missachtung, dass sie zu spät kommt.

Schauen wir uns die dritte Situation an: Zum Abendessen hat sich Julia mit ihrem Partner Torsten verabredet. Wie reagiert er?

  • Wieder der gleiche Auslöser: Julia kommt noch einmal zu spät – darin ist sie wirklich zuverlässig.
  • Das Gefühl von Torsten: Er ist und bleibt entspannt.
  • Die Reaktion von ihm: Er freut sich, kurz Zeit für sich zu haben und begegnet Julia – als sie zehn Minuten später auftaucht – ohne Verstimmung. Die beiden verbringen einen schönen Abend.

Wer »macht« unsere Gefühle und Emotionen?

Freude 3 Jungs Gefühle

Du siehst an der Geschichte: Es gab dreimal den gleichen Auslöser – das Zuspätkommen – und drei völlig unterschiedliche Reaktionen und Gefühle! Jetzt stellt sich die Frage: Wer »macht« die Gefühle der drei? Kann Julia die Trauer in Katharina, die Wut in Armin und die Freude in Torsten »einpflanzen«?

Das ist unmöglich! Julia macht nicht die Gefühle der drei anderen. Katharina, Armin und Torsten entscheiden selbst, zunächst unbewusst und automatisch, wie sie auf diesen Auslöser, das Zuspätkommen, reagieren. In der Konsequenz heißt das: Jeder Mensch macht seine Gefühle selbst und ist verantwortlich für das, was er fühlt. Nicht das Außen macht unsere Gefühle, sondern wir selbst.

Wenn das Außen sie machen würde, müssten alle drei gleich reagieren und fühlen. Zudem ist das Gefühl ja in uns, in unserem Körper und unserer Seele. Es entsteht in uns. Folglich können wir es nur selbst »machen«.

Das Außen ist »nur« der Auslöser. Der Auslöser oder Sender legt etwas an einer imaginären Grenze ab. Eine solche Grenze liegt stets zwischen Menschen, die miteinander kommunizieren. An dieser unsichtbaren Grenze legt der Sender etwas ab, zum Beispiel eine Aussage oder Handlung:

  • Etwas sagen – oder nicht
  • Etwas machen – oder nicht
  • Auf etwas reagieren – oder nicht
  • Gefühle zeigen – oder nicht
  • Gedanken aussprechen – oder nicht

Das Milchtütenmodell: Vom Sender und Empfänger

In einem Seminar habe ich dieses Modell den Teilnehmern ebenfalls vorgestellt. Als Symbol für das, was wir in der Mitte (also an der Grenze) ablegen, hatte ich keinen Gegenstand dabei. Ich suchte spontan nach einem Gegenstand im Raum und der erste, der mir in die Hände kam, war eine Milchtüte.

Seitdem heißt das Modell das Milchtüten-Modell. Der Sender platziert etwas (beispielsweise eine Aussage, Handlung oder Geste) in der Milchtüte und legt diese an der Grenze zwischen sich und der anderen Person ab. Was er in die Milchtüte steckt, liegt in seiner Verantwortung. Sehen wir uns dazu verschiedene Reaktionsmöglichkeiten an:

Der Sender platziert etwas (beispielsweise eine Aussage, Handlung oder Geste) in der Milchtüte und legt diese an der Grenze zwischen sich und der anderen Person ab. Was er in die Milchtüte steckt, liegt in seiner Verantwortung. Sehen wir uns dazu verschiedene Reaktionsmöglichkeiten an:

Etwas Positives liegt an der Grenzen

Legt der Sender etwas an der Grenze ab, was der Empfänger selbst als positiv bewertet, kann dieser unterschiedlich reagieren:

  • Er kann freudig oder dankbar reagieren. Das wird ihm bei einem positiven Auslöser selbstverständlich leichter gelingen.
  • Oder er könnte theoretisch auch beleidigt oder traurig reagieren, was in diesem Fall natürlich sehr unrealistisch ist.

Was der Empfänger von der Grenze aufnimmt und wie er dementsprechend reagiert, kann der Sender nicht bestimmen, diese Macht hat er nicht!

Etwas Negatives liegt an der Grenzen

Legt der Sender etwas ab, was der Empfänger nicht mag, ist dieser ebenfalls frei in seiner Reaktion:

  • Er könnte beispielsweise verletzt, traurig oder wütend reagieren.
  • Oder er könnte gelassen, entspannt reagieren; selbstverständlich auch neutral.

Was der Empfänger von der Grenze aufnimmt, ist auch in diesem Fall seine – bewusste oder unbewusste – Entscheidung und Verantwortung. Der Sender kann dem Empfänger keine Gefühle und Reaktionen aufzwingen. Das erfordert viel Reflexionsfähigkeit und Schulung, besonders bei einem »negativen« Inhalt der Milchtüte. Einige Übungsimpulse findest du am Ende des Kapitels.

Gefühle Frau Selbstverantwortung

Unsere Reaktion auf bestimmte Situationen vollzieht sich meist in Millisekunden, völlig automatisch, und wir glauben, dass wir nichts dagegen tun können, nach dem Motto »Es passiert mit mir«. Dass wir folglich so reagieren müssen, weil der Sender etwas Schönes oder Schlechtes gesagt oder gemacht hat.

In diesen Momenten fühlen wir uns nicht frei – frei zu entscheiden, wie wir reagieren möchten. Wäre es nicht schön, wenn du in solchen Situationen eine Entscheidungsfreiheit hättest?

Das lässt sich üben. Voraussetzung ist: die Verantwortung für das zu übernehmen, was in dir passiert. Wenn die Verantwortung jemand anderes trägt, dann bist du ausgeliefert, ohne Einfluss darauf. Aber so ist es ja nicht! Denn das Gute ist, dass es Veränderungsmöglichkeiten gibt: Die Lösung liegt in dir.

Wer trägt nun die Verantwortung für das, was wir fühlen und wie wir reagieren?

Dieses Modell bringt häufig unsere bisherige Sicht und Wertung darüber durcheinander, wer unsere Gefühle bestimmt. Weg von der Schuldzuweisung an den lahmen Kassierer, die verspäteten U-Bahn oder die »dumme «Julia, hin zu mir selbst. Der U-Bahn ist es übrigens relativ egal, ob du sauer auf sie bist oder nicht.

Doch wir tragen nicht nur für unsere Reaktionen auf traurige oder verletzende Botschaften die Verantwortung. Wir reagieren auch auf Positives wie Komplimente, Geschenke oder Erfolge unterschiedlich: Stell dir vor, du macht mehreren Menschen das gleiche Kompliment: »Du bist hübsch!« Wie reagieren sie?

  • Susi freut sich wie ein kleines Kind. Nachdem es ihr in den letzten Monaten psychisch nicht gut ging, geht das Kompliment runter wie Öl. Strahlend bedankt sie sich.
  • Andreas, 15 Jahre alt, läuft rot an. Er will nicht hübsch sein. Keinesfalls. Sondern stark und männlich. Er wechselt gleich das Thema.
  • Uschi wird traurig und wütend. Sie möchte nicht immer nur auf ihren Körper und ihre Rundungen reduziert werden. »Niemand interessiert sich für mein Inneres und mich als Mensch. Schon wieder geht es um mein Aussehen, ich könnte kotzen.«

Auch bei diesem Beispiel wird deutlich, dass die Reaktion bei den Empfängern unterschiedlich ausfällt, bei gleicher Botschaft des Senders. Wenn ich von diesem Modell erzähle, ob auf Vorträgen oder in meiner Praxis, höre ich viele interessante Fragen. Im Folgenden vier der häufigst gestellten Fragen:

  • Frage 1) Gilt das Modell in allen Lebenssituationen?
  • Frage 2) Trägt der Sender nicht auch eine Verantwortung?
  • Frage 3) Warum reagieren wir alle so unterschiedlich?
  • Frage 4) Heißt das, dass ich meine Gefühle unterdrücken soll?

Die Antworten findest du in Buch, als Taschenbuch oder eBook. Weitere Partnerschafts-Bücher findest du unter den besten Beziehungsratgebern.

Wieland Stolzenburg

Wieland Stolzenburg ist Beziehungspsychologe und Bestseller-Autor aus München. Er unterstützt Menschen dabei, erfüllende Beziehungen zu führen, Bindungs- und Verlustängste zu überwinden und Trennungen zu verarbeiten. Wieland ist häufiger Interview-Gast in ARD, ZDF, Stern oder FOCUS Online. > Mehr über Wieland

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